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Kolumne

Berliner Kissen
von Kurt Willi

In jungen Jahren fand ich, es gehöre zur Allgemeinbildung ein Auto lenken zu dürfen, nahm Fahrstunden und bestand die Autofahrprüfung. In der Folge sass ich ein paarmal hinter dem Steuer. Ein Auto besass ich nie, sondern bewegte mich meistens mittels Füssen, Velo und ÖV vorwärts.
Nun beschlossen aber meine Frau und ich in den nächsten Ferien auf einer Insel mit schlechtem ÖV ein Auto zu mieten. So nehme ich nach langen Jahren wieder Fahrstunden, damit sich auf der Ferieninsel niemand vor mir in Sicherheit bringen muss.
Wenn ich mit meiner Begleitperson so über Land und durch die Siedlungen fahre, komme ich immer wieder ins Staunen. In Erinnerung habe ich, dass man früher in ein Dorf hinein fuhr, die Geschwindigkeit selbstverständlich reduzierte und nachher das Dorf wieder verliess.
Heute ist aber alles anders: Am Dorfeingang befindet sich eine Einfahrtspforte ohne Tor in Form einer künstlichen Kurve mit Mittelinsel oder gar einer Nase. Vor der Nase heisst es anhalten, sofern gerade ein Fahrzeug entgegenkommt, andernfalls darf man auf der Gegenfahrbahn ins Dorf eindringen. Im Dorf sind die Parkplätze wechselseitig angeordnet, damit man endlich Slalom nicht nur auf der Skipiste, sondern auch auf der Strasse üben darf. Falls der Platz nicht für ein Parkfeld reicht, steht da ein Poller oder Betonklotz. Nun aber ändert sich das Strassenbild: Auf dem Boden liegen Berliner Kissen, welche zum Abbremsen einladen. Zum Glück bedecken diese nicht das ganze Strassenbett, so dass Velofahrende ihre Räder zwischen Randstein und Kissenrand durchbringen ohne geschüttelt zu werden. Die Kissen sind eben nicht weich, sondern aus Hartgummi oder Strassenbelag. Der Name Berliner Kissen deutet darauf hin, dass diese aus Berlin kommen.
Beim Kurven, Abbremsen und sanft Beschleunigen durch das Dorf frage ich mich schon, wie weit wir Menschen es gebracht haben: Zuerst wurden Strassen für die Fortbewegung erstellt. Heute müssen diese künstlich wieder verengt werden, weil wir Gehetzten sonst das Fahrtempo nicht eigenverantwortlich den Gegebenheiten anpassen wollen.

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